27. Februar 2009, 17:53
Sponsoren verzweifelt gesucht
Milliardenbetrüger Bernard L. Madoff hinterlässt auch in der Kunstszene seine Spuren
´Andy Warhols Dollarzeichen (1981): In den USA befürchten die Museen Budgeteinbußen zwischen fünf und zwanzig Prozent.
In den USA muss das erste Museum zusperren, weil ihm Sponsoren Stiftungsvermögen anvertraut haben.
"Kunst", sagt Michael Govan, Direktor des Los Angeles County Museum of Art, "Kunst verliert nie seinen emotionalen oder künstlerischen Wert, egal wie sich die Wirtschaft entwickelt" . Die Wahrheit sieht allerdings so aus: Einsparungen. Schluss mit großzügigen Ankaufs- und Ausstellungsbudgets. Mitarbeiter-Aufnahmestopp. Unsichere Zukunft.
Das New Yorker Metropolitan Museum ist durch die Wirtschaftskrise um eine dreiviertel Milliarde US-Dollars ärmer geworden, der Getty Trust inLos Angeles verlor mit 1,5 Milliarden Dollar gar ein Viertel seines Etats. Laut einer Umfrage des "Art Paper" fürchten 40 amerikanische Museen Budgeteinbußen zwischen fünf und 20 Prozent.
Und nun, Schock, muss das erste Museum zusperren, 6000 hochkarätige Kunstwerke von Andy Warhol über Mark Rothko und Roy Lichtenstein bis Cindy Sherman werden bis zum Sommer verscherbelt. Das kleine, aber feine Rose Museum gehört - noch - der privat finanzierten Brandeis-Universität. Deren Hauptsponsoren waren Carl und Ruth Shapiro, die in Boston auch noch das Museum of Fine Arts und das Institute of Contemporary Art unterstützten. Fast die Hälfte ihres 345-Millionen-Dollar-Stiftungsvermögens hatten sie bei Madoff veranlagt. Ja, und das ist jetzt futsch.
500 Millionen Dollar soll der Art Deal der Brandeis Universität einbringen. Schon in guten Zeiten würde ein derartiger Rausverkauf den Markt empfindlich irritieren. Jetzt stellt sich zusätzlich die Frage: Wer bitte schön soll die Kunst denn kaufen? Die Banken? Denen geht es gerade nicht so gut. Die Museen? Sind blank. Und der Stellenabbau in der Wallstreet schreitet zügig voran.
Zehntausende Banker, die in den letzten Jahren quasi im Vorbeigehen in Kunst investierten, stehen auf der Straße. Die Wallstreet-Miese wurde zur Kunst-Krise, duzende der 400 Galeristen in Soho und Chelsea wollen verkaufen: ihre Showrooms. Nicht die Kunst. Und Sponsoren gehen auf Tauchstation: Es macht sich nicht gut, en gros Mitarbeiter freizusetzen und zugleich en detail den großzügigen Mäzen zu geben. Selbst die National Gallery of Art als Bestandteil der Smithsonian Institution - als eines der wenigen staatlichen Museen in den USA zu 70 Prozent aus Bundesmitteln finanziert - setzt bei den Mitarbeiterhonoraren den Sparstift an.
Kultur keine Staatsaffäre
Was also eventuell gerade noch in Österreich für Staunen sorgen mag, Peter Noevers Petition, würde in den USA dringend gebraucht. Anders als in Europa ist Kulturförderung nicht Staatsaffäre, sondern Privatangelegenheit. Allein im Jahr 2006 machten Einzelpersonen und Unternehmen umgerechnet zehn Milliarden Euro für Kunst und Kultur locker. Im Vergleich dazu: Das National Endowment for the Arts (NEA), die einzige staatliche Kulturfördereinrichtung der USA auf Bundesebene, wurde kürzlich auf vergleichsweise mickrige 114 Millionen Euro aufgestockt, sein Anteil an den gesamten Kulturausgaben beträgt knapp zehn Prozent. "Bei Institutionen wie dem Cleveland Orchestra kommt weniger als ein Prozent des Jahresbudgets aus öffentlicher Hand" , präzisiert dessen Chef, der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst.
So richtig losgegangen war die Misere am 15. September: Ausgerechnet an dem Tag, an dem der britische Künstler Damien Hirst 200 Kunstwerke für 140 Millionen Euro verhökerte, ging in New York Lehman Brothers in die Binsen. Jene Bank, die 3500 Werke zeitgenössischer Kunst sowie Anteile am Museum of Modern Art besitzt und das laut Finanzdatendienst Bloomberg allein im vergangenen Jahr 39 Millionen Dollar für Kunst und Kultur gespendet hatte. Auf Lehmans Zahlungsliste standen Theater, Opernhäuser und Museen quer durch die USA und Europa, auch die Londoner Tate Modern, der Pariser Louvre und das Frankfurter Städel-Museum. Jetzt ist der Geldhahn zu.
Gar nicht lustig. Sponsoren verzweifelt gesucht. Nur: wo? In den USA? In Europa? General Motors beendet seine Sponsortätigkeit in Amerika. In Deutschland stellt VW seine Unterstützung für die Deutsche Oper in Berlin und ab 2010 für die Berlinale ein; die Deutsche Bank überdenkt ihr Sponsoring des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale und der Art Cologne. Ihr Schweizer Pendant hat es finanziell deutlich besser: UBS will, trotz finanzieller Turbulenzen, sowohl die umfangreiche Kunstsammlung behalten. Und weiterhin die Art Basel sponsern. (Andrea Schurian, DER STANDARD/ Printausgabe, 28.02/01.03.2008)
O-Töne: Private Kunstsammler :
Museumsdirektor und Sammler Karl-Heinz Essl bleibt auch in Krisenzeiten großzügig.
"Bei Ankäufen werden wir ein bisschen leisertreten und die Entwicklung abwarten.Der Kunstmarkt ist ja deutlich zurückgegangen. Doch Kunst entwickelt sich anders als die Realwirtschaft: Sie bereitet Freude und bedeutet, langfristig gesehen, ein wichtiges Anlageobjekt. Was das Museum betrifft, werden alle Projekte realisiert. Wir laden für Herbst zehn internationale Ausstellungshäuser zur Schau "Director's choice" ein. Alle Institutionen erhalten ein Budget für den Ankauf von Kunstwerken. Die Auswahl der Werke obliegt ohne besondere Beschränkungen dem jeweiligen Museumsdirektor, der das Werk als Dauerleihgabe mitnehmen darf."
Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner fördert mit dem Strabag-Kunstpreis junge Künstler.
"Wir haben den mit insgesamt 35.000 Euro dotierten Strabag-Kunstpreis für junge Kunst gerade auf die CEO-Länder ausgedehnt. Es wäre ein katastrophales Zeichen nach innen und außen, wenn wir sagen, das können uns nicht mehr leisten. Sammeln war für uns nie nur eine Frage der Imagebildung. Es dient der Motivation unserer Mitarbeiter. Wir glauben, dass große Unternehmen jungen Künstlern eine Referenz schuldig sind. Mich interessieren die Hochpreise nicht - und nicht die Niedrigpreise. Das Ankaufsbudget hängt von unserem Gewinn ab. Bei gutem Jahr gibt es ein höheres Budget. Eine kleine Auswirkung hat die Krise vielleicht."
Herbert Liaunig hat für seine Kunstsammlung ein Museum in Kärnten gebaut.
"Als Sammler bin ich derzeit in Abwarteposition, ich kaufe nicht mehr ganz so spontan, das mute ich meinem Budget jetzt nicht zu. Aber ich werde von Einladungen in Ateliers überschwemmt. Ich war der Meinung, die Käufer wären derzeit zurükhaltend. Die YSL-Versteigerung hat mich eines Besseren belehrt. Davon leite ich ab, dass diese Krise eine Flucht in Sachwerte bedeutet. Statt in Bankpapiere investiert man in Kunst, da hat man wenigstens Freude daran, wenn auch vielleicht keinen Gewinn.Und dass ein Teil der Kunstblase doch platzen wird. Aber im Prinzip sage ich: Das breite Mittelgebirge der Kunst wird von der Krise nicht berührt."
(asch, DER STANDARD/ Printausgabe, 28.02/01.03.2008)
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